SZ/BZ    5. März 2019

 

Wortwechsel voller Witz und Wärme

 

Theater Szene 03 präsentiert die gelungene Bühnenversion

des Bestsellers „Gut gegen Nordwind“ im Theaterkeller

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Kreiszeitung      4. März 2019

 

Highlight im Theaterkeller Sindelfingen:

 

„Gut gegen Nordwind“

 

Tippfehler mit Folgen: Eine fehlgeleitete E-Mail führt zwei Großstadtmenschen zueinander – ohne dass die beiden sich jemals zu Gesicht zu bekommen. Die Kommunikation findet nur per E-Mail statt. Darum geht es in der sehr sehenswerten Szene03-Inszenierung von „Gut gegen Nordwind“ im Sindelfinger Theaterkeller.

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. Ein Mann und eine Frau auf einer zweigeteilten Bühne: Links tippt die Frau lächelnd eine Nachricht in ihr Smartphone, einen Augenblick später schaut rechts der Mann auf sein Notebook. Auch er lächelt. Ihre Blicke begegnen sich nicht, eine unsichtbare Wand verhindert jede Berührung. Beide sind sich ganz nah . . . und dennoch komplett allein in ihrer eigenen Welt.

Millionen Leser und Hörbuchhörer kennen die Geschichte von Leo Leike und Emmi Rothner. Die Romanfiguren aus Daniel Glattauers Bestseller „Gut gegen Nordwind“ finden durch Zufall zueinander: Emmi Rothner versucht ein Zeitschriftenabonnement zu kündigen, schickt ihre Mails aber jedesmal an die falsche Adresse: nämlich die von Leo Leike, der gerade einer gescheiterten Beziehung hinterhertrauert.

Die beiden wohnen in der selben Stadt. Aus dem Missverständnis entwickelt sich zunächst ein humorvoll-spöttelndes Hin-und-Her. Schon bald wächst sich der rege E-Mail-Austausch zwischen dem Single Leo und der unglücklich verheirateten Emmi zu einem intensiven Flirt aus und wird schließlich zu einer heftig zwischen Verzückung und Verzweiflung pendelnden Liebesaffäre.

Die beiden sind sich so nahe, wie zwei Menschen es nur sein können. Sie kennen die intimsten Geheimnisse, Sorgen und Sehnsüchte des anderen. Und dennoch bleiben sie einander fern und fremd, weil ihre Berührungen und Küsse doch immer nur Buchstaben und Satzzeichen bleiben. Wer die Geschichte nicht kennt, fiebert der Begegnung der beiden entgegen, hofft, dass sie die unsichtbare Wand doch endlich durchbrechen und zueinander finden mögen.

Die Chemie stimmt einfach

Mit Femi Morina und Sandra Willmann werden Leo und Emmi für die Theaterzuschauer lebendig. „Ich hatte für diese Rollen immer nur diese beiden vorgesehen“, sagt Regisseur Karsten Spitzer, der damit goldrichtig lag. Die Chemie stimmt einfach zwischen diesen beiden Vollblutdarstellern. In ihren Rollen gelingt ihnen das Kunststück, glaubhaft und innig miteinander zu interagieren, ohne dabei wirklich auf die Reaktionen des anderen eingehen zu können.

Die beiden verleihen dem gemeinsam einsamen Liebespaar individuelle Konturen, persönlichen Esprit und Charaktertiefe. Sandra Willmanns Emmi ist quirlig, witzig, herausfordernd, sprudelt nur so vor Esprit. Femi Morina, der zuletzt in Karsten Spitzers „Amadeus“-Inszenierung die Titelrolle spielte, legt seinen Leo als leicht verklemmten Kopfmenschen an, der anfangs wortgewandt und sarkastisch, später immer flehender und sehnsuchtsvoller die Nähe zu seiner virtuellen Geliebten sucht.

Flotte und humorvolle Inszenierung

Anders als in der Buchvorlage stehen Schauspielern und Regie natürlich noch ganz andere Ausdrucksmittel zur Verfügung: Zum Beispiel schnelle Szenenwechsel, ein gelegentlicher Handy-Brummton beim Eintreffen einer neuen Mail, treffend ausgewählte Musik (darunter eine witzige Queen-Hommage bei „I want to break free“) und dazu feiner und augenzwinkernder Humor. All das sorgt bei der Premiere am vergangenen Freitagabend trotz bitter-süßer Handlung für positive Stimmung im Publikum.

Hinzu kommt die geniale Mimik und Körpersprache der Schauspieler. Als zum Beispiel Leo nach einem bewusst anonym gehaltenen Zusammentreffen der beiden in einem vielbevölkerten Café mutmaßt, ob Emmi „diese eine Frau mit dem großen Busen“ war, zieht Sandra Willmann mit ihren Lippen eine herrliche Schnute. Femi Morina erntet seinerseits amüsierte Lacher, wenn er nach einer von Emmis Frotzeleien peinlich berührt auf sein Notebook schaut und dabei große Augen macht.

Die Raumaufteilung und die durchdachte Inszenierung von Regisseur Karsten Spitzer transportieren die Grundidee von Glattauers E-Mail-Roman gekonnt auf die Theaterbühne. Ebenso wie die Buchvorlage feiert auch die Bühnenadaption den Zauber der Sprache. In einer schauspielerisch herausragenden Szene steigern Leo und Emmi alias Femi und Sandra sich regelrecht in einen Rausch der schönen Worte. So wird Sprache zum Lustmittel. Oder wie Emmi es an einer Stelle ausdrückt: „Was wir hier machen, ist wie Telefonsex – nur ohne Telefon . . . und ohne Sex.“

Als das Stück an diesem Premierenabend zu Ende ist, will der Applaus für die Darsteller und Regisseur Karsten Spitzer gar nicht mehr enden. Femi Morina und Sandra Willman nehmen sich dabei an der Hand und wechseln sogar ein paar Mal zur anderen Bühnenseite, wo zuvor der jeweils andere seine Spielfläche hatte. In diesem Moment ist der Bann gebrochen. Zumindest bis zur nächsten Aufführung, wenn Sandra und Femi wieder zu Emmi und Leo werden.

Eine Auswahl der Pressestimmen zu den einzelnen Projekten:

Amadeus

KRZ vom 12. November 2018

 

Tolle Szene 03-Inszenierung von „Amadeus“ im Sindelfinger Theaterkeller

Zwei Stunden vergehen wie im Flug

 

Zu Beginn des Stückes sind Wolfgang Amadeus Mozart (Femi Morina) und seine Ehefrau Constanze (Jenny Spitzer) noch ein lebensfrohes Pärchen, aber dank unzähliger Intrigen soll sich das bald ändern.

 

Von Achim Schwatzler

 

SINDELFINGEN. Das lang anhaltende Klatschen des Publikums, Standing Ovations und zwischendrin sogar Szenenapplaus zeigen: Regisseur Karsten Spitzer, der auch noch in selbstironischer Art in die Rolle von Kaiser Joseph II schlüpft, ist ein großer Wurf gelungen. Durchweg großartige schauspielerische Leistungen, eine packende Geschichte, stimmungsvolles Bühnenbild, schöne Kostüme, dazu die ständig präsente Musik des titelgebenden Mozart, die ein atmosphärisches Ambiente schafft – die gut zwei Stunden im Theaterkeller vergehen wie im Flug. (…)

 

Im Zentrum steht nicht etwa Wolfgang Amadeus Mozart, sondern dessen

Konkurrent Antonio Salieri. Der Vorhang öffnet sich und wir befinden uns in einem Sanatorienzimmer des Jahres 1823. Ein gealterter, gebrochener Salieri schreit im Wahn heraus, er sei Mozarts Mörder. Er wendet sich an die Zuschauer und erklärt diesen, dass er nicht ihre Vergebung will, sondern möchte, dass diese verstehen. Hat er den weitaus bekannteren Komponisten wirklich vergiftet?

 

(…) Wir blicken zurück in das Jahr 1781, als er seinem Rivalen zum ersten Mal begegnet. Mozart ist zu diesem Zeitpunkt ein infantiler, gar ordinärer 25-Jähriger, der bei den Menschen in der gehobenen Gesell-schaft mit seiner Art regelmäßig aneckt. Aber in musikalischer Hinsicht ist er ein Genie. Das erkennt jedoch lediglich Salieri. Er setzt sich zum Ziel, seinen Konkurrenten zu zerstören, damit dieser ihm nicht den Rang am Hofe abläuft.

 

„Mozart schafft aus Alltäglichkeit Legende – und ich aus der Legende nur

Alltäglichkeit“, stellt Salieri an einer Stelle fest. Wie Schauspieler Daniel Bayer seiner Figur durch mehrere Facetten Tiefe verleiht, ist atem-beraubend. Einerseits kommt immer wieder Salieris Bewunderung für

Mozart durch, teilweise fast schon Mitleid, dass so wenige dessen immenses Können bemerken. Auf der anderen Seite kommentiert Bayer

genüsslich-süffisant Salieris fiese Intrigen. Mit jeder Szene wachsen spür-bar sein Neid und seine Missgunst, was so weit geht, dass er sogar voller Hass Gott den Krieg erklärt, der Salieri zwar mit Ruhm über-schüttet, jedoch mit einem deutlich kleineren Talent gesegnet hat. Der Einzige zu sein, der seine eigene Mittelmäßigkeit realisiert, zerfrisst Salieri innerlich, er wird immer verbitterter.

 

Der ein oder andere im Publikum ist sogar zu Tränen gerührt

 

Eine ebenso große Bandbreite an Emotionen zeigen in faszinierender Weise Femi Morina als Wolfgang Amadeus Mozart und Jenny Spitzer als dessen Frau Constanze. Anfangs sind sie noch das alberne Pärchen, lebensfroh, lustig, nie um einen Spaß verlegen. „Ich bin doch ein netter Kerl, warum mögen die mich nicht“, fragt der Komponist und aus Morinas Augen sprechen Verzweiflung und Unverständnis. Neben ihm stehen in diesem Moment Chris Binder als Gräfin von Pergen und Giovanni Gagliano als Graf Rosenberg (beide schlüpfen gekonnt auch noch in die erheiternde Rolle der Venticelli, zwei Informanten Salieris) mit versteiner-ter Miene. Die snobistische Art des Hochadels haben die Darsteller wunderbar eingefangen.

 

Immer mehr zerfällt schließlich Mozarts gemeinsames Glück mit seiner

Gattin. Die fließenden Übergänge zwischen tiefer Traurigkeit und plötz-lichem Zorn in einer torpedierten Beziehung gelingen Femi Morina und

Jenny Spitzer perfekt. Als die beiden noch ein letztes Mal versuchen, ge-meinsam herumzublödeln, oder in Mozarts Sterbeszene rühren sie den einen oder anderem im Publikum sogar zu Tränen.

 

Ob Antonio Salieri nun wirklich Wolfgang Amadeus Mozart vergiftet hat, sei an dieser Stelle nicht verraten.

 

 

Die Zimmerschlacht

 

Übungsstück für ein Ehepaar  von Martin Walser

 

Eine Gemeinschaftsproduktion mit dem

TheaterEnsemble Sindelfingen

 

Kreiszeitung vom 18. 04. 2018

 

Kampf der Geschlechter bis aufs Blut

 

Sabine Duffner und Karsten Spitzer spielen

„Die Zimmerschlacht“ von Martin Walser

 

Von Anne Abelein

 

SINDELFINGEN. Sie hassen und sie lieben sich – in Martin Walsers „Die Zimmerschlacht“ geht es hoch her. Vor fünf Jahren sind Karsten Spitzer und Sabine Duffner auf die Idee verfallen, Walsers Zwei-PersonenStück auf die Bühne zu bringen. Nun haben sie das Vorhaben in die Tat umgesetzt – unter der souveränen Regie von Jürgen von Bülow. Bei der Premiere liefen die beiden Schauspieler vom Theaterensemble Sindelfingen und Theater Szene03 im Theaterkeller zur Hochform auf. Dr. Felix und Trude Fürst belauern sich wie zwei eingesperrte Tiere in ihrem Wohnzimmer. Karsten Spitzer in der Rolle des bodenständigen Erdkundelehrers, der aus seinem Eheleben ausbrechen will, aber Ver- änderung scheut. Sabine Duffner als frustrierte Hausfrau, die von einem leidenschaftlichen Liebesleben träumt, doch dieses nicht umsetzt. Nun finden sich die verkopften Ehepartner also von ihren Bücherregalen eingekreist wieder – zwischen Schwarzweiß-Kulissen, mit denen das Ensemble die bürgerliche Hölle stimmig bebildert. Eigentlich wollten sie ja an diesem Abend ausgehen. Doch Felix möchte die Einladung seines Freunds Benno boykottieren. Der Grund: dessen neue, junge Gefährtin. Die alte hat Benno mit einem Reihenhaus abgespeist. Hier ist schon zu erahnen, dass Felix eigentlich ebenfalls nach einer Jüngeren trachtet, aber vorerst mimt er den Moralapostel. Karsten Spitzer gibt den Erdkundelehrer prinzipientreu und rigoros. Die anspruchsvolle Ehefrau (Sabine Duffner vorwurfsvoll bis desillusioniert) hat auf einen unterhaltsamen Abend mit Freunden gehofft und bleibt nun widerwillig mit Felix zu Hause. Nun wäre eigentlich Gelegenheit für ein Schäferstündchen, aber die erotische Stimmung will sich trotz Anregungen aus dem Kamasutra, reichlich Alkohol und Musik nicht einstellen. Stattdessen geraten die beiden in Streit. Felix inszeniert vergeblich Erotik, Trude fordert mehr Männlichkeit ein, aber im Widerspruch dazu auch mehr Authentizität. Agil wechseln Duffner und Spitzer zwischen bedrohlichem Flüstern, überdeutlich artikulierten, hinterlistigen Gemeinheiten und plötzlichen Schreiattacken. Spitzer macht sich mit großen Gesten Luft, Duffner wendet sich beleidigt ab.

(…)

Spitzer und Duffner wollen in Zukunft gern erneut in der Zwei-Personen-Konstellation antreten. „Wir haben Blut geleckt“, verkünden sie. All die Ehetragödien in der Dramengeschichte und die Beziehungen mit Abhängigkeiten – für Spitzer und Duffner erweisen sie sich als ein Glücksfall. In der „Zimmerschlacht“ demontieren sie die Ehe der Fürsts nach Kräften, missverstehen sich absichtlich, ersinnen genüsslich Gemeinheiten und konfrontieren den Partner schließlich schonungslos mit dessen Fehlern. Trotzdem scheint durch die widerborstige Fassade und die bissige Sprache immer wieder die Liebe durch. Die grotesken Situationen reizen das Publikum zum Lachen, auch wenn es manchmal im Halse steckenbleibt

 

 

 

SZ/BZ vom 19. 04. 2018

 

Statt Eifersucht nur der blanke Neid

 

Von Matthias Staber

 

Die Ehe als selbst gezimmerte Hölle führt die neue Produktion von Theaterensemble Sindelfingen und Theater Szene 03 vor. In dem Stück von Martin Walser geht ein von Sabine Duffner und Karsten Spitzer gespieltes Ehepaar 70 Minuten lang einander dermaßen schonungslos an den Kragen, dass der Zuschauer bald nicht mehr weiß, ob er lachen oder beschämt den Blick senken soll.

Immer schön ehrlich bleiben“, sagt der Erdkundelehrer Dr. Felix Fürst (Karsten Spitzer) verzweifelt: „Ich weiß nicht, ob wir

diesen Abend überleben.“ Denn Ehrlichkeit ist nicht das Fundament, auf dem Felix und dessen Ehefrau Trude (Sabine Duffner) bislang ihre Ehe gelebt haben.

Wenn „Die zwei Kinder sieht man dir gar nicht an“ das höchste der möglichen Komplimente darstellt, und „Ich darf dich nicht

mal merken lassen, dass du nichts zählst“ die größtmögliche Rücksichtnahme, dann braucht es nicht viel, um diese Ehe kippen

zu lassen. Eine jüngere Frau zum Beispiel.

 

Grausamer Versuch

 

Nicht Felix hat sich allerdings eine 24-Jährige angelacht, „mit Brüsten zum Anbellen“, sondern dessen Freund Benno. Nicht Eifersucht spielt hier die tragende Rolle beim Zerstören einer Lebenslüge, sondern der blanke Neid. Was sich der Eine traut, entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen, erschüttert das Selbstbild der Anderen. Umso grausamer gerät der Versuch, gesellschaftliche Konventionen und Erwartungen ins Recht zu setzten. Grausam gegen die Mitmenschen, vor allem aber gegen sich selbst: Das ist der Glutkern von „Die Zimmerschlacht“.

In nur rund 70 Minuten arbeiten Sabine Duffner und Karsten Spitzer unter der Regie von Jürgen von Bülow diesen Glutkern

heraus. Überflüssiges haben Ensemble und Regie aus dem Text von Martin Walser gestrichen und bringen dieses „Übungsstück
für Ehepaare“ damit dermaßen verdichtet auf die Bühne, dass dem Zuschauer bisweilen schwindelig wird angesichts der Rasanz dieses Schlagabtauschs.

Durch mehrere Stimmungslagen arbeitet sich dieses Ehepaar und lotet so alle Tiefen und Fallstricke nicht funktionaler Kommuni-kation aus. Verdruckst, verlogen, überschwänglich, längst verblühte sexuelle Begierde vortäuschend oder grausam offen
und ehrlich: Wofür andere Ehepaare zwei Wochen Klub-Urlaub brauchen, bekommt dieses Spießer-Ehepaar in etwas über einer
Stunde hin. Witzig kommt dabei manches auf die Bühne, doch je nach Grad der eigenen Selbsterkenntnis dürfte so manchem
Zuschauer auch das eine oder andere Glucksen im Hals stecken bleiben. (…)

Diese Zimmerschlacht muss man gesehen haben: Wie hier vorgeführt wird, wie toxisch gesellschaftliche Erwartungen
für beide Geschlechter wirken können, ist hochaktuell.

Sindelfinger Zeitung vom 10.Juli 2017 über das Biennale – Theaterstück „denunziert.verfolgt.getötet“

Botschaft von Hoffnung und Zuversicht

…die große Stärke von „denunziert.verfolgt.getötet“ liegt in der Veranschaulichung der eigentlichen Hexenprozesse am Beispiel dreier fiktiver Frauen….In diesem Prozeß läuft Karsten Spitzer als fanatischer Dorfpfarrer zur Hochform auf: Wie er anklagt, die Bibel und Luther zitiert, tobt, zetert und wütet, um drei unschuldige Frauen zunächst der Folter und dann dem Feuer auszuliefern, sorgt zum zweiten Mal für Gänsehaut-Momente….

 

Portrait aus der Sindelfinger Zeitung vom 1.4.2017:

Weil der Stadt: Als Profi kann sich Karsten Spitzer seine Rollen nicht immer aussuchen / „Biedermann“-Regisseur im Sindelfingen Theaterkeller

Aus der Zukunft in die Kantine

Beim Sindelfinger Theaterensemble Theater Szene 03 fungiert Karsten Spitzer als Leiter und Regisseur. Die Inszenierung von Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ im Theaterkeller ist dem Weil der Städter „eine Herzenssache“. Doch als hauptberuflicher Schauspieler kann sich der 56-Jährige seine Rollen nicht immer aussuchen.

Mit fünf weiteren Schauspielern war Karsten Spitzer für ein Marketing-Event in der Kantine eines großen Unternehmens gebucht. Über den Bäuchen der gesetzten Mimen spannten zu eng sitzende Kostüme. Denn als Thema des Events war „Star Trek“ anbefohlen.

„Wir wurden quasi aus der Zukunft in die Kantine gebeamt“, erzählt Spitzer, der sich nur ungern an diesen Knochenjob erinnert. Denn das Interesse der Kantinenbesucher an den sechs Schauspielern, die in ihren albernen Uniformen wirkten, als stammten sie aus dem Comedy-Film „Traumschiff Surprise“, fiel eher mäßig aus.

„Heute würde ich so etwas nicht mehr machen“, sagt Karsten Spitzer, „denn solche Events  sind immer grenzwertig.“ Doch allzu wählerisch darf Karsten Spitzer auch heutzutage nicht sein, wo er mit im Schnitt zwölf Engagements pro Jahr gut über die Runden kommt, um auch eine studierende Tochter durchzubringen. „Wer Miete bezahlen muss, lehnt 500 Euro Tagesgage nicht ab“, sagt Karsten Spitzer trocken.

Theater, Film, Fernsehen und Werbung: Aus diesem Portfolio generiert Karsten Spitzer sein Jahreseinkommen: „Im Grunde mache ich alles“. Für welche Theaterproduktionen er gebucht ist, weiß Spitzer bereits am Anfang des Jahres. Film, Fernsehen und Werbung, also ein Großteil des Jahreseinkommens, kommen nach und nach hinzu. „Bei mir läuft es die letzten zehn Jahre sehr gut“, sagt Karsten Spitzer, „aber ein bisschen Risiko fährt man immer, vor allem, wenn man Familie hat.“

Denn zwei Tendenzen gibt es im Schauspielberuf seit 15 Jahren: Die Gagen gehen runter, und die Qualität geht runter. In einer Fernseh-Landschaft, in der sich mäßig talentierte Laien durch Formate wie „Berlin Tag und Nacht“ dilettieren, wird die Luft für ausgebildete Profi-Schauspieler enger. „Deutschland ist voll mit sehr gut ausgebildeten Schauspielern“, sagt Karsten Spitzer, „es fehlt aber an guten Drehbüchern und dem Mut sie umzusetzen.“ Neidisch blickt die Zunft auf die USA, wo eine hochwertige Fernsehserie nach der anderen gedreht wird. „Dort steckt allerdings auch ein ganz anderes Budget dahinter“, so Spitzer.

Noch recht ordentlich zahlen öffentlich rechtliche Fernseh-Produktionen. So gibt es beim ZDF 1500 Euro pro Drehtag, „was bei zwei bis drei Drehtagen okay ist. Bei Privatsendern sind die Gagen wesentlich niedriger“, so Spitzer. Eine Ausnahme beim Abwärtstrend der Gagen gibt es – die Werbung. „Dort gibt es manchmal 2500 Euro pro Tag, was sehr gut ist“, so Karsten Spitzer.

An die lukrativen Jobs muss ein Schauspieler allerdings erst einmal herankommen. „Das geht nicht ohne ein Netzwerk, am besten mit einer Agentur“, sagt Karsten Spitzer, der von 2008 bis 2010 selbst die Agentur „Big Tree Management“ führte, „um mal die andere Seite kennenzulernen“. Über ein Netzwerk verfügen gerade junge Schauspieler noch nicht, und in das Portfolio guter Agenturen mit lukrativen Kontakten kommt nicht jeder Schauspieler hinein.

„Es gibt unzählige Schauspieler, die sich am Existenzminimum durchquälen, wo monatlich wenig zum Leben übrig bleibt“, so Spitzer. Ein weiteres Problem: Wer sich einen lukrativen Auftrag in einem Werbefilm unter den Nagel reißen möchte, muss am geplanten Drehtag auch Zeit haben. Und diese Zeit haben gerade diejenigen Schauspieler nicht, die sich täglich auf einer städtischen Bühne knapp über dem Existenzminimum halten. Und: „Wer normalerweise auf einer Bühne schauspielert, muss es vor einer Kamera noch einmal neu lernen“, sagt Karsten Spitzer: „Das ist eine ganz andere Art des Schauspielens. Ich musste mich an die Kamera erst gewöhnen.“

Seine Kolleginnen beneidet Karsten Spitzer nicht, denn Frauen haben es im Schauspielberuf noch wesentlich härter als Männer. Sind sie noch jung, verfügen Schauspielerinnen noch über keine Kontakte, um an lukrative Engagements heranzukommen. Und ab 45 Jahren droht Schauspielerinnen dann der Karriereknick. „Das gilt im Übrigen auch für die Bühne, nicht nur fürs Fernsehen und den Film“, sagt Karsten Spitzer: „Es gibt nicht viele klassische Theaterstücke mit älteren Frauen in Charakterrollen.“

Als Schauspieler musst du gnadenlos funktionieren, Fehler werden nicht verziehen

Auch TV-Niederungen wie „Richterin Barbara Salesch“ hat Karsten Spitzer bereits durchschritten. „Unterschätzen darf man aber keine Rolle“, so Spitzer: „Als Schauspieler musst du gnadenlos funktionieren, Fehler werden nicht verziehen.“ Jede Produktionsfirma bewertet nach einem Dreh die Darsteller und führt darüber Buch. „Wer schlechtes Benehmen an den Tag legt, den Regisseur nervt oder zu spät kommt, wird nicht mehr gebucht und ist raus“, so Karsten Spitzer. Außerdem wird die Art der Rollen gelistet, für die ein Schauspieler geeignet ist. Bei Karsten Spitzer sind dies vor allem „Politiker, Unternehmer, gesetzte Rollen, dominante Typen.“

Der Lohn des Knochenjobs als Profi-Schauspieler sind Rollen, auf die er stolz ist und die ihm Spaß machen. „Das gilt immer für Theaterrollen“, so Spitzer. Und vor die Kamera tritt Karsten Spitzer gerne für Produktionen wie „Soko Stuttgart“ oder auch Independent-Filme wie „Verfehlung“ aus dem Jahr 2014, wo Karsten Spitzer an der Seite von Sebastian Blomberg spielte.

Karsten Spitzer drehte schon mit Schauspielgrößen wie Dietz-Werner Steck oder Walter Sittler: „Es gibt einige Rollen, auf die ich stolz bin.“ Und es gibt Herzensangelegenheiten wie den „Biedermann und die Brandstifter“ in Sindelfingen.

Karsten Spitzer (zweiter von rechts) mit seinen Kollegen Christian Pätzold, Michael Gaedt und Peter Ketnath bei der ZDF-Folge „Amnesie“ für Soko Stuttgart. Bild: z

 

 

Der Hund im Hirn und andere Merkwürdigkeiten 

SZ/BZ       8.11.2017

Theater Szene 03 spielt Curt Goetz im Theaterkeller / Karsten Spitzer setzt in seiner Inszenierung auf die leisen Zwischentöne

Lieber schmunzeln statt kichern

Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber

Mit „Hund im Hirn und andere Merkwürdigkeiten“ hat das Theaterensemble Szene 03 Premiere mit einem Curt-Goetz-Abend im Sindelfinger Theaterkeller gefeiert. Darin präsentieren Jenny Spitzer, Sarah Kupke, Daniel Bayer, Jürgen Siehr, Stefan Vitelariu und Femi Morina unter der Regie von Karsten Spitzer drei Einakter des beliebten Komödienschreibers.

„Frauen betrügen ihre Männer nicht, wenn sie Männer sind“: Wie es sich heraus stellt, liegt der Herr Professor (Daniel Bayer) mit dieser Faustregel ziemlich daneben. Denn dessen junge Gemahlin (Jenny Spitzer) hat ein Auge auf den zwielichtigen Herrn Tittori (Stefan Vitelariu) geworfen und lässt sich in Abwesenheit des Gatten außerehelich umgarnen. Was in anderen Theaterstücken in die lautstarke Katastrophe münden würde, nimmt bei Curt Goetz leisere und subtilere Bahnen: Mit feiner Ironie und überlegenem Witz überlistet der gehörnte Ehemann seinen Widersacher, der schließlich kleinlaut das Weite sucht. (…)

Auch die Vielfalt von Curt Goetz als pointiertem Komödienschreiber möchte Karsten Spitzer präsentieren. Und auch das ist ihm gelungen. Während „Herbst“ in der Romantik der Nostalgie schwelgt und bezaubernd von der Zeitlosigkeit der Liebe erzählt, anrührend von Sarah Kupke und Jürgen Siehr auf die Bühne des Theaterkellers gebracht, präsentiert sich „Der fliegende Geheimrat“ als rasante Slapstick-Nummer, in der die Gags einander jagen – auch hier reüssiert Daniel Bayer wieder einmal mit seinem humoristischen Talent.

So setzen alle drei Einakter, die Karsten Spitzer und seine Darsteller bei „Hund im Hirn und andere Merkwürdigkeiten“ auf die Bühne bringen, je eigene Akzente, die unterschiedliche Merkmale von Curt Goetz als zeitlosem Komödienschreiber in den Fokus rücken. Was die Szenen eint, ist eine charmante Lockerheit in der Dialogführung, die vom Theater Szene 03 in ansprechender Spritzigkeit akzentuiert wird.

Wer Abwechslung zur grellen Aufdringlichkeit sucht, die aktuelle Humorkost allzu oft prägt, lieber schmunzelt statt kichert und knapp zwei Stunden bei feinem Witz entspannen möchte, liegt mit einem Besuch des Theaters Szene 03 genau richtig.

 

 

Kreiszeitung   8.11.2017

 

Ärzte und Liebestraum im Herbst

 

Theater Szene 03 spielt drei Einakter von Curt Goetz im Sindelfinger Theaterkeller

 

Von Anne Abelein

 

Amüsant, kurzweilig und bisweilen skurril – so gestalten sich die Einakter des deutsch-schweizerischen Autors Curt Goetz. Drei Stücke hat das Ensemble Theater Szene 03 am Freitag im Theaterkeller in „Hund im Hirn und andere Merkwürdigkeiten“ verbunden. (…)

Treibende Charleston-Musik und ein trällernder Butler (Femi Morina) stimmen das Publikum auf die Epoche ein. Wir blicken in eine elegante Wohnung der 20er Jahre. Der Herr Professor (Daniel Bayer) kehrt zurück, seine Frau lässt aber noch auf sich warten, und er schöpft Verdacht. Hat sie sich etwa mit einem gewissen Herrn Tittori vergnügt? So lebenslustig und kokettierend, wie sich Jenny Spitzer als seine Frau Eva geriert, wäre das durchaus denkbar. Im eleganten Fransenkleid mit Federstirnband und Zigarettenspitze umgarnt sie ihren Mann, der sich aber nicht beirren lässt und auf eine List verfällt. (…) „Hund im Hirn“ nennt sich das Stück, und Daniel Bayer als Arzt genießt es sichtlich, dem Betrug auf die Schliche zu kommen und den Nebenbuhler dabei zu quälen. Neuzugänge fügen sich gut ins Ensemble ein Im Ensemble Theater Szene 03 agieren gelernte Schauspieler und erfahrene Amateure aus dem Raum Sindelfingen und Stuttgart Seit an Seit, und die zwei Neuzugänge Stefan Vitelrariu und Femi Morina als Tittori und Butler Johann fügen sich gut ein. (…)

An diesem Abend spielt erstmals der Szene-03-Gründer Jürgen Siehr unter der Regie Spitzers, der 2015 die Theaterleitung übernommen hat; früher war es umgekehrt. In „Herbst“ reizen Jürgen Siehr und Sarah Kupke zur wehmütigen Nostalgie und zum leisen Schmunzeln: Ein liebenswürdiger Theaterintendant und eine Frau in schon etwas fortgeschrittenem Alter knüpfen auf einer Parkbank ein Gespräch an. Er erzählt ihr von seiner unerfüllten Liebe, und mehr und mehr beginnt man zu erahnen, dass es sich bei seiner Gesprächspartnerin um eben jene handelt. Die Frau gibt sich aber nicht zu erkennen, hält das Verhältnis verklärt-wissend lächelnd in der Schwebe und bewahrt so den Beziehungstraum.

Der dritte Einakter „Der fliegende Geheimrat“ knüpft an den ersten an; wieder spielen Ärzte eine tragende Rolle. Den schon reichlich angejahrten, tütteligen Geheimrat (Daniel Bayer) sucht ein seltsamer Patient auf. Kann es sein, dass es sich bei dem unverwandt starrenden und wortkargen Gast (Femi Morina) am Ende um den Tod persönlich handelt? Daniel Bayer wird sichtlich immer unbehaglicher zu Mute. Aber da wird sich doch wohl gewiss ein Handel abschließen lassen? Zumal der Quacksalber dem Tod doch eine Menge vielversprechender Klienten beschert? Mit einem schmissigen Charleston als Dreingabe verabschieden sich zu guter Letzt die Akteure.

 

Artikel Kreiszeitung Böbliner Bote 16.3. 2017

"Hochaktuell, hochbrisant, hochpolitisch": Wenn der Weil der Städter 
Regisseur Karsten Spitzer über die aktuelle Szene-03 -Inszenierung spricht, 
wird schnell klar, wie sehr ihm dieses Stück am Herzen liegt. Kein Wunder: 
In Zeiten von Fremdenhass und Populismus gehört "Biedermann und die 
Brandstifter" einfach auf die Bühne.

Artikel vom 16. März 2017 - 17:30

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. Theater kann Unterhaltung und Entspannung sein. Es kann aber 
auch ein Weckruf, ein Alarmknopf sein. In diesem Sinne bringt das Theater 
Szene 03 jetzt "Biedermann und die Brandstifter" von Max Frisch auf die Bühne.

"Ich hatte das schon sehr lange im Sinn", erklärt Karsten Spitzer. Die 
Entscheidung sei dann vor einiger Zeit bei einem gemeinsamen Gartenfest mit 
Jürgen Siehr gefallen. Siehr hat das Theater Szene 03 gegründet und zwölf 
Jahre lang geleitet. Im Jahr 2015 übernahm Karsten Spitzer seine Nachfolge. 
"Dieses Stück müsste man mal wieder auf die Bühne bringen", waren sich 
Vorgänger und Nachfolger damals einig. Dabei waren die Flüchtlingskrise und 
der sich in der Folge abzeichnende Rechtsruck in Europa damals noch gar 
nicht abzusehen.

Umso mehr sind Spitzer und seine Darstellerriege jetzt davon überzeugt, das 
richtige Stück zur - im doppelten Wortsinn - rechten Zeit ausgesucht zu 
haben. "Im letzten Dreivierteljahr hat sich das alles ja nochmal gravierend 
verschärft", verweist Spitzer auf die politischen und gesellschaftlichen 
Reaktionen auf die islamistischen Anschläge und Vorfälle 2016 in 
Deutschland und Frankreich. Das alles begünstige den Aufstieg von 
Rechtspopulisten, "weil die in der Bevölkerung Ängste schüren".

Auch in "Biedermann und die Brandstifter" sei Angst das große Thema. "Wie 
gehe ich mit Angst um? Lasse ich mich von ihr unterjochen?", stellt der 
Regisseur die Fragen, die das Stück behandelt. Für ihn ist klar: "Angst ist 
immer ein schlechter Ratgeber." Deshalb will er gemeinsam mit seinem 
Ensemble gegen Rechtsruck und Populisten Stellung beziehen. Und zwar 
eindeutig. Zuletzt habe er das Stück im Dezember im Stuttgarter 
Wilhelma-Theater gesehen. "Das hat für mich das Zeitgeschehen nicht 
getroffen", vermisste der 56-Jährige bei dieser eher burlesken Inszenierung 
die aus seiner Sicht notwendige Ernsthaftigkeit.

Deshalb wolle er dies mit dem Theater Szene 03 anders machen. "Man muss die 
Dinge klar benennen", findet der Regisseur. Le Pen in Frankreich, Johnson 
in England, Wilders in den Niederlanden, Höcke und Petry in Deutschland und 
Trump in den USA - sie alle sind für ihn die Brandstifter. Deshalb habe er 
viele aktuelle Bezüge in seiner Inszenierung untergebracht.

Den Zeitpunkt für die Aufführungen hätte Spitzer kaum besser wählen können. 
Europa steht in diesem Jahr vor einigen Schicksalswahlen: Die Niederländer 
haben eben erst den befürchteten Wahlsieg von Geert Wilders abgewendet, am 
16. April könnten die Türken per Referendum ein Präsidialsystem einführen, 
und am 23. April - dem Abend, an dem das Szene-03-Ensemble Dernière feiert 
- wählen die Franzosen womöglich Marine Le Pen zur Präsidentin.

Wie heißt es so schön: Die Welt ist eine Bühne. Und wo man hinschaut, gibt 
es Menschen, die sie brennen sehen wollen - jedenfalls dann, wenn sich 
niemand den Brandstiftern entgegenstellt. Spitzer vermisst in diesem 
Zusammenhang den Mut in der Gesellschaft. "Manchmal kommt mir das vor wie 
das Kaninchen vor der Schlange", erklärt er. "Und wo das hinführen kann, 
wenn die Mehrheit schweigt, haben wir in diesem Land ja erlebt", sagt er. 
Er selbst greift im Gespräch mit der KREISZEITUNG zu drastischen Worten: 
"Wenn jemand braune Scheiße labert, dann ist das braune Scheiße. Da wird 
auch kein Kuchen daraus, noch nicht mal ein Brownie."



Interview SZBZ

Sindelfingen: Karsten Spitzer inszeniert für das Ensemble „Theater Szene 03“ Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“

Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber

Mit Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ präsentiert Karsten Spitzer seine zweite Inszenierung für das Sindelfinger Ensemble „Theater Szene 03“, seit er im Jahr 2015 die Leitung der Bühne von Jürgen Siehr übernommen hat. Die SZ/BZ hat sich mit dem Profi-Schauspieler über die Aktualität des Dramas in Zeiten des Rechtspopulismus unterhalten.

Max Frischs Drama erzählt davon, wie die Ängste des Spießbürgers Totalitarismus ermöglichen. Sie haben die groteske Tragikkomödie, in der der Unternehmer Biedermann zwei potentielle Brandstifter in seinem Haus übernachten lässt, auf die heutige Zeit angepasst. Ist daraus ein Stück über Phänomene wie die AfD, den Front National oder Donald Trump geworden?

Karsten Spitzer: „In Zeiten, in denen sich Idioten daran machen, Europa zu zerstören, müssen Künstler und auch das Theater Stellung beziehen. Eine rechte Welle schwappt über den Planeten, von Rechtspopulisten bis Neo-Nazis. Meine Inszenierung trägt dem Rechnung.“

Wie konkret ist die Stellungnahme der Inszenierung?

Karsten Spitzer: „Max Frisch wollte sich mit dem Stück, das 1958 seine Uraufführung feierte, gegen Totalitarismus wenden. Er lässt allerdings offen, was genau gemeint ist. Die Interpretationen reichen von Kommunismus über die Atombombe bis zum Nationalsozialismus. Und auch Inszenierungen des Stoffs können abstrakt bleiben: Ich habe ‚Biedermann und die Brandstifter‘ schon als reine Burleske gesehen.“

Sie gehen allerdings anders vor?

Karsten Spitzer: „Ich stelle durch Andeutungen den aktuellen Bezug zu rechtspopulistischen Strömungen her. Es kommt allerdings nicht in jedem zweiten Dialog ein Holzhammer, der auf Leute wie Jörg Meuthen, Marine Le Pen oder Donald Trump eindrischt. Das hätte Max Frisch so auch nicht gewollt. Die Grundaussage der Inszenierung lautet: Angst ist kein guter Ratgeber. In diesem Zusammenhang kann eine Inszenierung bestimmte Strömungen andeuten, ohne allzu konkret zu werden.“

Ihr Kollege Norbert Laubacher hat im Zusammenhang mit seiner jüngsten Inszenierung für das Theaterensemble Sindelfingen gesagt, dass er nicht mehr daran glaubt, dass Theater die Welt verändern kann. Wie sehen Sie das?

Karsten Spitzer: „Ich bin immer noch davon überzeugt, dass sich Kunst und auch das Theater gesellschaftspolitisch einbringen können und müssen. Man muss sich wehren, Stellung gegen rechts beziehen und Haltung zeigen. Ich würde das auch für ein gutes Thema im Rahmen der Biennale Sindelfingen halten, nämlich zu zeigen, dass die Sindelfinger Kulturschaffenden für bestimmte Werte stehen.“

Darf Theater auch Spaß machen?

Karsten Spitzer: „Selbstverständlich. Die ‚Theater Szene 03‘ hat immer auch Komödien gespielt, zum Beispiel ‚Loriots dramatische Werke‘. Und auch die Inszenierung von ‚Biedermann und die Brandstifter‘ kommt nicht verbissen daher. Das Stück hat sehr viele komische Elemente. Es darf sowohl gelacht als auch heiß diskutiert werden.“

Gab es während der Probenarbeiten Momente, die Sie besonders begeistert haben?

Karsten Spitzer: „Daniel Bayer und Volker Bönisch sind als Brandstifter super.  Überrascht hat mich Dr. Bernd Schmalenbach als Biedermann. Ihn kannte ich bislang eher aus komischen Rollen. Wie Schmalenbach sich in den Biedermann rein steigert, mit seiner Figur leidet und den Zuschauer zum Schlucken bringt, ist ganz große Schauspielerei. So habe ich Bernd Schmalenbach bislang noch nicht gesehen.

 

Pressekritik aus der SZBZ zu meiner Regiearbeit „Biedermann und die Brandstifter“- 29.März 2017:

Von unserem Mitarbeiter
Matthias Staber
Sindelfingen: Theater Szene 03 spielt Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ im Theaterkeller

Denken muss jeder selbst

Gewiss, Karsten Spitzer bedient sich sattsam
bekannter Zitate und Andeutungen,
um Max Frischs Drama aktuelle Bezüge
mitzugeben. Kellyanne Conways „alternative
Fakten“ werden ebenso in die Waagschale
geworfen wie Alexander Gaulands zynische
Unterstellung, Deutsche würden keine
Nicht-Weißen als Nachbarn haben wollen.
Und selbstverständlich darf der Dauerbrenner
zur Krise nicht fehlen, Angela Merkels
Satz „Wir schaffen das“.
Doch Aktualität per Zaunpfahl ist nicht
die Strategie der Inszenierung. Karsten
Spitzer verwendet diese Zitate vielmehr, um
dem Zuschauer Deutungsangebote zu machen
und einen Rahmen zu schaffen, um darin
das Spiel seiner Darsteller einzupassen.
Wenn Volker Bönisch etwa seinen Brandstifter
Eisenring lachend sagen lässt, die
„nackte, blanke Wahrheit“ sei die beste Tarnung,
„denn die glaubt einem niemand“, ist
an dieser Stelle gar kein weiterer Hinweis
auf Donald Trump mehr nötig, um beim Zuschauer
eine Assoziationskette auszulösen.
Trump liefert, was er angekündigt hat. Und
alle sind erstaunt.
Wenn Daniel Bayer als Brandstifter
Schmitz seinen Brandstifter-Kollegen Eisenring
als grundanständigen Kerl vorstellt,
den man gerne als Nachbarn haben möchte,
kommt die AfD ins Spiel, ohne genannt werden
zu müssen. Und wenn Karsten Spitzer
sich als intellektuelles Mitglied der „Bewegung“
von der Zündelei der Brandstifter distanziert,
schweifen die Gedanken zum Um-
Wen wollen Deutsche als Nachbarn
haben? Und schaffen wir das, wenn
ein Teil der Bevölkerung auf solche
Fragen beängstigende Antworten findet?
Als Diskussionsbeitrag zum Erstarken
des Rechtspopulismus hat
Karsten Spitzer seine Inszenierung
von „Biedermann und die Brandstifter“
im Theaterkeller Sindelfingen für
die freie Gruppe Theater Szene 03
entworfen. Nicht zuletzt dank starker
Darsteller funktioniert dies erstaunlich
gut, ohne zur Predigt zu geraten.
gang von Zynikern wie Frauke Petry oder
Jörg Meuthen mit rassistischen und antisemitischen
Brandstiftern wie Alexander
Gauland oder Björn Höcke.
Das ist gut gemachtes Theater: Die Inszenierung
dient als Lesehilfe, aber lesen und
denken muss jeder selbst. Im Zentrum der
Inszenierung stehen die Darsteller Bernd
Schmalenbach als Biedermann, Marja Rothenhöfer
als dessen Ehefrau Babette sowie
Volker Bönisch und Daniel Bayer als die beiden
Brandstifter. Die Interaktion dieser Figuren
miteinander hat es in sich und packt
den Zuschauer von Anfang an. Als Chor ziehen
Jenny Spitzer und Florian Penkwitt
eine weitere Deutungsebene ein, was sehr
gut funktioniert.
Verängstigter Spießer
Wie Daniel Bayer seiner Figur eine unangenehme
physische Präsenz mitgibt, die Beklemmung
auslöst, spiegelt sich im Spiel
von Marja Rothenhöfer dermaßen intensiv,
dass dem Zuschauer die Spucke wegbleibt.
Der zündelnde Faschist als Raubtier, das
Frauen begrapscht und noch stolz drauf ist:
Eine der stärksten Szenen zeigt Eisenring,
wie er beim Dinner um Babette herumschleicht,
an ihren Haaren schnuppert und
sie anfasst, während sie sich windet und
sichtlich leidet, niemand am Tisch aber den
Mut aufbringt, einzuschreiten.
Bernd Schmalenbach bringt die schwierigste
Rolle des Stücks auf die Bühne. Als
verängstigter Spießer Biedermann, bei dem
sich die beiden Brandstifter auf dem Dachboden
eingenistet haben, liefert Schmalenbach
die emotionalsten Momente der Inszenierung.
„Was hätten Sie getan an meiner
Stelle?“, fragt Biedermann, „und wann?“
Dass diese Frage nicht rhetorisch wirkt, ist
dem intensiven Spiel von Bernd Schmalenbach
zu verdanken.
Nein, dieser Biedermann stellt eine echte
Frage, die ihrer Beantwortung harrt: Wie
umgehen mit Brandstiftern, wann eingreifen?
Wenn sie gegen Minderheiten hetzen,
oder erst dann, wenn sie einem die eigene
Bude in Brand stecken? Oder lieber nur tatenlos
zusehen, um nicht als „ängstlicher
Spießer“ rüberzukommen? „Ich habe das
Recht, überhaupt nichts zu denken“, sagt
Biedermann, „ich will nur meine Ruhe und
meinen Frieden.“ Dass es diesen Frieden
nicht gibt, solange Populisten zündeln, steht
als Kernaussage im Zentrum dieser Inszenierung
von „Biedermann und die Brandstifter“.

Artikel vom 27. März 2017 Kreiszeitung Böblinger Bote

Was würden Sie tun? Und wann?

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. Im Film geht es einem manchmal so: Jemand ignoriert sämtliche 
Warnungen und Vorzeichen und läuft blindlings in sein Verderben. Als 
Zuschauer kann man darüber in solchen Momenten nur den Kopf schütteln. 
Ähnlich geht es dem Publikum bei der Szene03-Inszenierung von Max Frischs 
"Biedermann und die Brandstifter", die am Freitagabend im nahezu 
ausverkauften Theaterkeller Premiere feierte. Auch hier steuert ein 
argloser Bürger namens Biedermann (Bernd Schmalenbach) zusammen mit seiner 
Frau (Marja Rothenhöfer) sehenden Auges geradewegs auf eine Katastrophe zu.

Genauer gesagt: Sie holen sich die Katastrophe selbst ins Haus. Und zwar in 
Gestalt zweier Hausierer, denen die Biedermanns Obdach gewähren. Sie tun 
das, obwohl sie eben noch selbst über gutgläubige Menschen den Kopf 
geschüttelt haben, die gerade überall im Land auf eben diese Masche 
hereinfallen: Als Hausierer getarnte Brandstifter erschleichen sich das 
Vertrauen ihrer Gastgeber und fackeln ihnen die Hütte ab.

Der eine ist ein grobschlächtiger Kerl namens Schmitz, ein ehemaliger 
Ringer. Gespielt wird diese Figur von Daniel Bayer. Im Trainingsanzug und 
mit schmierig-langen Haaren gibt er genüsslich den prolligen Schmarotzer 
mit scheinbar verletzter Seele. Seine wahre Natur tritt im Verlauf des 
Stücks aber immer mehr zum Vorschein.

Der andere ungebetene Gast im Hause Biedermann ist der Kellner Eisenring 
(Volker Bönisch). Der ehemalige Sträfling versucht erst gar nicht so zu 
tun, als seien er und Schmitz etwas anderes als das, was die Biedermanns 
und ihr Dienstmädchen (Jenny Spitzer, die zudem als Chorstimme mit Florian 
Penkwitt in spöttischen Versen auf drohendes Unheil hindeutet) von Anfang 
an in ihnen vermuten: zwei gemeine Brandstifter.

Im weiteren Verlauf wird dies den Zuschauern in geradezu aberwitziger 
Deutlichkeit vor Augen geführt. Anfangs noch mit Andeutungen, später wird 
so heftig mit dem Zaunpfahl gewinkt, dass man als Zuschauer am liebsten die 
Bühne stürmen und dem vor Angst wie gelähmten Biedermann damit auf den Kopf 
hauen würde. Stattdessen sieht er tatenlos dabei zu, wie Schmitz und 
Eisenring ungeniert Benzinkanister auf dem Dachboden platzieren, hilft 
sogar beim Auslegen der Zündschnur und ist am Ende auch noch derjenige, der 
den beiden das Streichholz zum Anzünden reicht.

Zuvor wendet er sich immer wieder ans Publikum: "Was hätten Sie getan? Und 
wann?", fragt er zitternd vor Zorn. Und genau darum ging es Max Frisch in 
seiner Biedermann-Geschichte, die seit ihrer Entstehung vor mittlerweile 
fast 80 Jahren schon zahlreiche Deutungen erfahren hat.

Wie in der KRZ berichtet, erinnern viele Entwicklungen in den heutigen 
Tagen Szene03-Regisseur Karsten Spitzer an die Zeit vor der Machtergreifung 
der Nazis in den 1930er Jahren. Aus diesem Grund hat er einige 
wohlplatzierte Anspielungen auf aktuelle Bezüge in seine ebenso kluge wie 
souveräne Inszenierung gestreut, darunter die Forderung des Thüringer 
AfD-Chefs Björn Höcke nach einer "Erinnerungspolitischen 180-Grad-Wende", 
Angela Merkels "Wir schaffen das"-Parole oder den von Trump-Sprecherin 
Kellyanne Conway geprägten Begriff der "alternativen Fakten".

Bei der Premiere am Freitag gab es begeisterten Applaus. Und das völlig zu 
Recht: Spitzer und sein Ensemble überzeugen durch die Bank bei dieser 
Inszenierung voll giftigem Humor und bitterernsten Untertönen. Und was am 
wichtigsten ist: Das Stück regt zum Nachdenken an. Der Denkprozess beginnt 
gleich im Foyer: "Man denkt immer, jetzt müsste er doch aufwachen", meinte 
da ein Premierengast zu einem anderen. Aber dann fällt ihm ein, dass Adolf 
Hitler es damals mit "Mein Kampf" ja genau so gemacht hatte. "Da konnte 
auch jeder ganz offen nachlesen, was er vorhat." Bleibt die Frage, die 
Biedermann im Stück stellt: Was würden wir tun? Und wann?

 

2015 Presseartikel Kreiszeitung Böblinger Bote zum Urfaust

Hier noch ein Portrait über mein Schauspielerleben aus Kreiszeitung Böblinger Bote – Rubrik Mein Wochenende

In der Vorbereitung geht es jetzt ans Eingemachte

Mein Wochenende: Kurz vor der Premiere des „Urfaust“ im Sindelfinger Theaterkeller dreht sich beim Hauptdarsteller Karsten Spitzer alles um das Stück
Seit vielen Jahren gehört Karsten Spitzer zu
den prägenden Theaterkeller-Schauspielern
in Sindelfingen. Nun steht ein besonderes
Stück und eine besondere Herausforderung
an: Goethes „Urfaust“ mit dem 54-Jährigen
in der Hauptrolle. In knapp zwei Wochen
steigt die Premiere, folglich gestaltet sich
die Probenarbeit derzeit ziemlich intensiv.
Von Robert Krülle

SINDELFINGEN.Dabei gibt sich Karsten Spitzer
als die Lockerheit in Person, wirkt zumindest
äußerlich reichlich entspannt. Oder
ist das die Routine? Immerhin treibt sich der
gebürtige Hannoveraner seit rund 30 Jahren
in Theatern herum, hat in Berlin eine klassische
Schauspielausbildung absolviert und
geht dem Bühnenjob seit gut 15 Jahren professionell
nach. „Ich habe ein gutes Gefühl,
wir haben gut gearbeitet“, betont Spitzer.
Und immerhin sind es ja noch einige Tage
bis zur Premiere.
Mit dem Faust-Stoff bringen die Sindelfinger
Schauspieler den Klassiker der Klassiker
auf die Bühne. „Faust I – die Tragödie“
gilt als das bedeutendste und meistzitierte
Werk der deutschen Literatur. „Als
Sabine Duffner vom Theaterensemble mich
gefragt hat, ob ich den Faust spielen will,
habe ich natürlich sofort zugesagt“, erzählt
Spitzer, „das ist ein Traum!“ Allerdings
widmet sich die Truppe um Regisseur Norbert
Laubacher der ersten Fassung, dem sogenannten
„Urfaust“, den Johann Wolfgang
Goethe noch zu seiner Sturm-und-Drang-
Zeit geschrieben hat.
Der Stoff bleibt im Wesentlichen der gleiche:
der menschliche Zwiespalt zwischen
Glauben und Wissenschaft, der Konflikt
zwischen individueller Selbstverwirklichung
und sozialem Handeln. „Faust ist konzipiert
als Unsympath“, weiß Spitzer, „ein mürrischer,
egozentrischer Typ.“ Gerade das würde
ihn reizen, zumal sich mit Mephisto (gespielt
von Sabine Duffner) ein spannendes
Mit- und Gegeneinander entwickelt. „Jeder
kennt diesen Stoff“, beschreibt der Schauspieler
eine der Herausforderungen, „man
muss eine eigene Version kreieren.“
Seit Ende Juli probt das Ensemble, vor
allem Spitzer und Duffner stecken als
Hauptdarsteller viel Arbeit in das Stück.
„Zwei- bis dreimal pro Woche“ sei man zusammen
gewesen – da kommt eine stattliche
Zahl an Vorbereitungstagen zusammen. Und
in der Intensivphase sind natürlich alle besonders
gefordert. Heute und morgen stehen
nachmittags gemeinsame Proben im Theaterkeller
an, ab Mittwoch trifft man sich
täglich: Es geht ans Eingemachte. Und weil
dieses Arbeiten so intensiv ist, bleibt für
Karsten Spitzer wenig von diesem Wochenende
übrig – wobei er ein solches sowieso
kaum kennt. „Bei uns ist jeder Tag mit
Kunst und Kultur angefüllt“, verrät der
Schauspieler, dessen Frau Elke umfangreiche
Romane schreibt.
Einkäufe und der Gang zum Wertstoffhof
sind heute Vormittag noch drin, ab 12 Uhr
wird sich Spitzer aber auf seine Rolle vorbereiten.
„Etwa eine Stunde lang gehe ich
noch einmal den Text durch“, erzählt er. Um
14 Uhr steht die Probe in Sindelfingen an.
Und das sei so anstrengend, dass am Abend
nicht mehr viel passiert. „Das ist umgekehrt
zu den Auftritten: Die Probenarbeit erschöpft,
die Auftritte puschen“, weiß Spitzer.
Am Sonntagvormittag nimmt sich Karsten
Spitzer gemeinsam mit seiner Frau und
Tochter Jenny Zeit fürs Frühstücken, ehe ab
Mittag das gleiche Theaterprogramm wie am
Samstag ansteht – vorbereiten, proben, proben,
proben. „Ich bin sowieso ständig am
Text brabbeln“, lacht Karsten Spitzer, „man
muss da einfach dranbleiben.“
Dass es auf die Theaterbühne gehen soll,
war ihm früh klar. Und als Mittzwanziger
spazierte Spitzer einfach einmal schnurstracks
ins Lüneburger Theater hinein –
diese Unbekümmertheit gefiel dem Direktor
offensichtlich. Immerhin durfte der stürmische
junge Mann mehrere Monate als Regieassistent
arbeiten.
Später zog es Karsten Spitzer nach Berlin
– mitten hinein in die Zeit der Wende. „Die
wohl spannendste Zeit meines Lebens“,
stellt er fest. Gewohnt hat Karsten Spitzer
(natürlich) im lebhaften Kreuzberg. „Inklusive
Hausmeister-Job, mit dem ich Studium
und Schauspielausbildung finanziert habe.“
Am Abend der Maueröffnung war der Student
an der Bornholmer Straße quasi live
dabei. „Ich habe diese berühmte Pressekonferenz
im Fernsehen gesehen und gedacht:
Was ist jetzt los?“, erinnert er sich, „später
waren wir an der Mauer, und überall fuhren
Trabis rum.“
Spannende Jahre
im Berlin der Wendezeit
Auch auf allen möglichen Theaterbühnen
stand Karsten Spitzer in dieser Zeit, zum
Beispiel unter dem damals noch unbekannten
Regisseur Stefan Bachmann, heute Intendant
am Kölner Schauspiel. Außerdem
gehörte Jenny Schily, die Tochter des Anwalts
und Politikers Otto Schily, zu einem
Ensemble. „Bei einer Aufführung waren
total viele Politiker im Saal“, erzählt Spitzer
schmunzelnd, „das war schon aufregend.“
Als der Schauspieler seine Frau Elke
kennenlernte und schließlich die gemeinsame
Tochter unterwegs war, stand ein Umbruch
ins Haus. Die Familie zog in Elke
Spitzers Heimatort Weil der Stadt – und
blieb. „Der Wechsel war am Anfang hart“,
gibt der 54-Jährige zu, „aber inzwischen
fühlen wir uns sehr wohl.“
Karsten Spitzer hat seitdem mehrere berufliche
Standbeine. Nach einer Ausbildung
bei der IBM arbeitet er freiberuflich im Vertrieb,
zudem ist er seit 2005 als Coach tätig.
Hinzu kommt die Schauspielerei, immer mal
wieder nicht nur am Theater, sondern auch
im Film. „Insgesamt läuft das alles ganz
gut“, sagt Spitzer. Hauptsache, die Bühne
imTheaterkeller 2012 hat ihren festen Platz in seinem Leben.

2014 Presseartikel Kreiszeitung Böblinger Bote zu meiner Ringelnatzlesung

20140812_073725 kreiszeitung böblinger bote

Spitzer war in seinem Element

….Für die Rezitation war ein bekanntes Gesicht zuständig: der Weil der Städter Schauspieler Karsten Spitzer. Spitzer war bei Joachim Ringelnatz, auf den er sich konzentrierte, in seinem Element: er setzte viele Stimmen ein, sprach gewandt Plattdeutsch oder stammelte wie ein Alkoholisierter. Er streifte durchs Leben und durchs Werk….Es gibt heute eine Ringelnatz-Stiftung, einen Ringelnatz-Preis, ein Ringelnatz-Museum. Und es gibt Ringelnatz-abende wie diesen…

 2013

Requisiteur mit großem Auftritt

04.10.2013 –

Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber

Heute ist Schließtag. Das Dreispartenhaus, in dem Josef Bieder als gewissenhafter Requisiteur arbeitet, sollte eigentlich geschlossen sein. Und so stellt es eine mittlere Katastrophe dar, als sich Josef Bieder unverhofft mit erwartungsvoll drein blickendem Publikum konfrontiert sieht.

„Wir haben doch Eintritt bezahlt“, beginnt das Publikum in der Burg unruhig zu murmeln. Denn Karsten Spitzer spielt seinen Josef Bieder dermaßen glaubhaft, als dieser sich anschickt, die Zuschauer nach Hause zu schicken, dass für ein paar Momente die Trennung zwischen Realität und Fiktion verwischt: Großes Theater made in Sindelfingen zu Gast in Holzgerlingen.

Na ja, wenn das Publikum schon mal da ist, kann auch ein wenig geplaudert werden. Denn den Laden dichtzumachen „überschreitet bei Weitem meine Konsequenzen“, klagt Josef Bieder. Und „dieser Langner“, der die Kompetenz hätte, ist partout nicht zu erreichen.

Überhaupt findet sich Josef Bieder in diesem Theater „nur von Inkompetenz umgeben“. Das gilt nicht nur für Möbler, Maske, Intendanz, sondern auch für Schauspieler, Sänger, Tänzer. Davon erzählt Josef Bieder gerne. Auch, wenn er dabei ein wenig melancholisch wird. Denn die Lebensumstände haben ihm eine eigene Karriere als Sänger verwehrt. Obwohl er es eigentlich besser könnte als all die jungen Künstler mit ihrer undeutlichen Aussprache und ihren lächerlichen Marotten.

Doch alt ist er nun, dieser Josef Bieder. Und er kommt zur Erkenntnis: „So richtig braucht man Jugend erst, wenn man alt ist.“ Um nicht nur beruflich, sondern auch in der Liebe noch einmal durchzustarten. Auch davon erzählt Josef Bieder gerne, der mit seinem unverhofften Auftritt vor Publikum noch einmal eine Sternstunde erlebt, die witzig ist und anrührt: Eine Sternstunde auch für das Publikum.

Karsten Spitzer, von 2008 bis 2010 Leiter der Sindelfinger Schaubühne, glänzt mit seiner Solo-Rolle in der Holzgerlinger Burg Kalteneck. Bild: Stampe/A

2013

Altweiberfrühling

Sindelfinger Zeitung – Kultur Lokal

Mischung aus Witz und Tragik

23.02.2013 – Von unserem Mitarbeiter Matthias Staber

Dass es sich bei der mutigen Schneiderin um die 70-jährige Mutter des Dorfpfarrers handelt, sorgt für allerhand Zündstoff in einer Handlung, die bewegt.

Wann ist es zu spät, die eigenen Träume zu leben? Wann verliert ein Mensch die Kraft, der Fahrt aufs Abstellgleis zu trotzen? Wie funktioniert echte Freundschaft? All diese Fragen schnürt das Stück „Altweiber-Frühling“, das der Autor Stefan Vögel nach dem Drehbuch des Films „Die Herbstzeitlosen“ entwickelt hat, in ein kompaktes Paket.

Das Sindelfinger Ensemble Theater Szene 03 bringt dieses Paket unter der Regie von Jürgen Siehr auf die Bühne des Theaterkellers und präsentiert damit eine durchaus vergnügliche Mischung aus Witz und Tragik, die Herz und Hirn des Zuschauers anspricht, zum Schluss jedoch an Tempo verliert.

Vor allem Karsten Spitzer als Dorfpfarrer mit Doppelmoral und Daniel Bayer als erzkonservativer Bürgermeister bringen Schwung auf die Bühne. Wie Karsten Spitzer mit sich, seiner Geliebten (Vera Nielsen) und seiner aufmüpfigen Mutter (Diane Mastboom) ringt, macht Laune. Und Daniel Bayer wirft wieder einmal sein imposantes humoristisches Talent in die Waagschale, wenn er den Bürgermeister als lächerlichen Widerling gibt.

Das Problem: Mit ihrem Spiel stehlen Karsten Spitzer und Daniel Bayer den eigentlichen Hauptpersonen des Stücks die Show – geht es doch eigentlich darum, wie sich eine Gruppe Freundinnen (Diane Mastboom, Katrin von Hochmeister, Annette Kadow, Ursula Trägner) den Anfechtungen des Alters stellt.

2012

Die Sternstunde des Josef Bieder

2011

Winter unterm Tisch

Kreiszeitung Böblinger Bote

 

2010

Das Apartment

Kreiszeitung Böblinger Bote

 

Lesung Chamisso

Kreiszeitung Böblinger Bote

SZ/BZ

 

Lesung Der seidene Schuh

SZ/BZ

 

Lesung Turandot

SZ/BZ

 

2008 – 2009

Geschlossene Gesellschaft

Kreiszeitung Böblinger Bote

Esslinger Zeitung

 

2008

Karsten Spitzer übernimmt die Leitung der Schaubühne Sindelfingen

SZ/BZ

Kreiszeitung Böblinger Bote

 

Tod eines Handlungsreisenden

SZ/BZ

Kreiszeitung Böblinger Bote

 

Der Heiratsantrag

SZ/BZ

Kreiszeitung Böblinger Bote

 

2007 – 2008

Ein Abend mit Wilhelm Busch

Cannstatter Zeitung

 

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